Dokument: (Un-)gewählte Zugehörigkeiten. Die jüdische Sozialpsychologin Marie Jahoda zwischen 1907 und 1945

Titel:(Un-)gewählte Zugehörigkeiten. Die jüdische Sozialpsychologin Marie Jahoda zwischen 1907 und 1945
Weiterer Titel:(Un)chosen affiliations. The Jewish social psychologist Marie Jahoda between 1907 and 1945
URL für Lesezeichen:https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DocumentServlet?id=72239
URN (NBN):urn:nbn:de:hbz:061-20260226-123711-6
Kollektion:Dissertationen
Sprache:Deutsch
Dokumententyp:Wissenschaftliche Abschlussarbeiten » Dissertation
Medientyp:Text
Autor: Kipshagen, Svenja [Autor]
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Dateien vom 10.02.2026 / geändert 10.02.2026
Beitragende:Prof. Dr. Hilbrenner, Anke [Gutachter]
Prof. Dr. Aptroot, Marion [Gutachter]
Dewey Dezimal-Klassifikation:900 Geschichte und Geografie » 940 Geschichte Europas
Beschreibungen:In meinem Promotionsvorhaben über die Sozialpsychologin Marie Jahoda mit Titel „(Un-)gewählte Zugehörigkeiten – die jüdische Sozialpsychologin Marie Jahoda zwischen 1907 und 1945“ habe ich mich mit der ersten Lebensphase Jahodas von ihrer Geburt im Jahr 1907 bis zu ihrem 38. Lebensjahr beschäftigt.
In meinem ersten Hauptkapitel über Marie Jahodas Kindheit und Jugend zwischen 1907 und 1926 befasse ich mich vor allem mit Jahodas bislang wenig erforschter jüdischer Herkunft, ihrem Aufwachsen als jüdisches Mädchen im antisemitisch wie auch misogyn geprägten Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts und analysiere an zentraler Stelle ihren später verfassten Text „Was heißt es, jüdisch zu sein?“ (1990) vor dem Hintergrund der in den vergangenen Jahrzehnten neu aufgeworfenen Diskussion über jüdische Zugehörigkeiten.
Im zweiten Kapitel meiner Arbeit geht es daraufhin um Marie Jahodas Zeit als Studierende der Psychologie an der Universität Wien ab 1926, sowie die von ihr verfasste, berühmt gewordene Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von 1933 und Jahodas Zeit als sozialistische Untergrundkämpferin sowie ihre Gefängnishaft während des Austrofaschismus ab 1933/34 bis zu ihrer erzwungenen Emigration ins Vereinigte Königreich 1937. In diesem Kapitel arbeite ich heraus, wie schwierig es für eine jüdische Frau in der Zwischenkriegszeit war, in den männlich geprägten Räumen der Universität und der Politik Fuß zu fassen und stelle die These auf, dass es eine Strategie Jahodas war, keine Feministin zu sein und sich bewusst vom stark diskutierten Feminismus ihrer Zeit abzugrenzen, um sich das Leben in diesen für Frauen neu zugänglichen Welten nicht weiter zu erschweren. In meiner Analyse der Marienthal-Studie zeige ich in diesem Zusammenhang auf, wie stark auch Marie Jahoda als Wissenschaftlerin selbst von den geschlechtlichen Rollenvorstellungen ihrer Zeit geprägt war.
Im dritten und letzten Kapitel meiner Arbeit befasse ich mich sodann mit Marie Jahodas Exil in England zwischen 1937 und 1945. Hier arbeite ich vor allem heraus, wie Jahodas Erfahrungen als geflüchtete jüdische Frau sich von den Erfahrungen geflüchteter Männer unterschieden, Jahoda aber im Vergleich zu anderen geflüchteten Frauen durch ihren Bekanntheitsgrad und ihre Kontakte zu Engländer*innen privilegiert war. In diesem Kapitel analysiere ich insbesondere eine bislang unveröffentlichte Studie Marie Jahodas von 1939/40, in der sie die Einstellungen und Verhaltensveränderungen von weiblichen Berufseinsteigerinnen in einer Fabrik in Bristol untersucht. Auch in dieser Studie wird noch einmal deutlich, wie stark Marie Jahoda, obgleich sie in ihrem eigenen Leben häufig feministisch handelte und ein den geschlechtlichen Normen ihrer Zeit widersprechendes Leben führte, in ihrem Blick auf andere Frauen von den geschlechtlichen Rollenbildern ihrer Zeit geprägt war und sich einen „männlichen“ Blick angeeignet hatte. Diese Beobachtung stützt nochmals meine These, dass Marie Jahoda sich in ihren jungen Jahren als Frau und Jüdin Strategien angeeignet hatte, um in einer sowohl antisemitisch wie auch misogyn geprägten Gesellschaft selbst möglich wenig als Frau oder als Jüdin wahrgenommen zu werden, sondern vorrangig als Wissenschaftlerin und Sozialdemokratin, weil jene, so meine These, die zwei Zugehörigkeiten waren, durch die Jahoda aus der ihr widerstrebenden, von außen zugeschriebenen Opferrolle heraustreten und eine aktive Rolle einnehmen konnte, die ihr eine Zukunft in Unabhängigkeit und zugleich selbst gewählter Gemeinschaftlichkeit versprachen.

In my doctoral dissertation on the social psychologist Marie Jahoda, entitled "(Un)Chosen Affiliations – The Jewish Social Psychologist Marie Jahoda between 1907 and 1945," I focused on the first phase of Jahoda's life, from her birth in 1907 until she was 38 years old.

In my first main chapter, on Marie Jahoda's childhood and youth between 1907 and 1926, I primarily examine Jahoda's hitherto under-researched Jewish heritage, her upbringing as a Jewish girl in early 20th-century Vienna, a city steeped in antisemitism and misogyny. A key element of my analysis is her later work, "What Does It Mean to Be Jewish?" (1990), against the backdrop of the renewed debate on Jewish affiliations that has emerged in recent decades.
The second chapter of my work then focuses on Marie Jahoda's time as a psychology student at the University of Vienna from 1926 onwards, as well as her famous 1933 study "The Unemployed of Marienthal," and Jahoda's time as a socialist underground activist, including her imprisonment during the Austro-fascist regime from 1933/34 until her forced emigration to the United Kingdom in 1937. In this chapter, I explore how difficult it was for a Jewish woman in the interwar period to gain a foothold in the male-dominated spaces of academia and politics. I posit that Jahoda's strategy was not to be a feminist and to consciously distance herself from the much-debated feminism of her time, so as not to further complicate her life in these newly accessible worlds for women. In my analysis of the Marienthal study, I demonstrate how strongly Marie Jahoda, as a scholar, was herself shaped by the gender roles of her era.
In the third and final chapter of my work, I then examine Marie Jahoda's exile in England between 1937 and 1945. Here, I primarily explore how Jahoda's experiences as a Jewish refugee differed from those of male refugees, but also how Jahoda was privileged compared to other female refugees due to her prominence and her contacts with English people. In this chapter, I analyze, in particular, a previously unpublished study by Marie Jahoda from 1939/40, in which she investigates the attitudes and behavioral changes of female newcomers to the workforce in a Bristol factory. This study also makes it clear how strongly Marie Jahoda, although she frequently acted in a feminist manner in her own life and led a life that defied the gender norms of her time, was shaped in her view of other women by the gender roles of her era and had adopted a "masculine" perspective.
This observation further supports my thesis that Marie Jahoda, in her early years as a woman and a Jew, had acquired strategies to be perceived as little as possible as a woman or as a Jew in a society characterized by both antisemitism and misogyny, but primarily as a scientist and social democrat, because, according to my thesis, these were the two affiliations through which Jahoda could step out of the victim role, which she resisted and which was ascribed to her from the outside, and take on an active role that promised her a future in independence and at the same time in self-chosen community.
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Fachbereich / Einrichtung:Philosophische Fakultät » Historisches Seminar » Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte (VII)
Dokument erstellt am:26.02.2026
Dateien geändert am:26.02.2026
Promotionsantrag am:18.08.2025
Datum der Promotion:11.12.2025
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