Dokument: Extinktions-induzierte Depression: Validierung eines Tiermodells zur Untersuchung depressions-ähnlicher Verhaltensweisen

Titel:Extinktions-induzierte Depression: Validierung eines Tiermodells zur Untersuchung depressions-ähnlicher Verhaltensweisen
URL für Lesezeichen:https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DocumentServlet?id=29570
URN (NBN):urn:nbn:de:hbz:061-20140606-142805-0
Kollektion:Dissertationen
Sprache:Deutsch
Dokumententyp:Wissenschaftliche Abschlussarbeiten » Dissertation
Medientyp:Text
Autor: Komorowski, Mara [Autor]
Dateien:
[Dateien anzeigen]Adobe PDF
[Details]6,39 MB in einer Datei
[ZIP-Datei erzeugen]
Dateien vom 20.05.2014 / geändert 20.05.2014
Beitragende:Prof. Dr. Pietrowsky, Reinhard [Gutachter]
Prof. Dr. Huston, Joseph P. [Gutachter]
Dewey Dezimal-Klassifikation:100 Philosophie und Psychologie » 150 Psychologie
Beschreibung:Die unipolare Depression ist eine der schwersten rezidivierenden psychischen
Erkrankungen, welche gekennzeichnet ist durch negative Verstimmung, Interessen- und
Freudlosigkeit, sowie eine starke Antriebsminderung. Die Lebenszeitprävalenz liegt
zwischen 15-20%, wobei unter den Betroffenen bis zu 30% unter therapieresistenten
Depressionen (TRD) leiden, welche nicht auf eine reguläre medikamentöse Behandlungen
ansprechen. Eine ebenfalls hohe Prävalenz von 10-15% haben die geriatrischen
Depressionen, deren Erstmanifestation ab dem fünften Lebensjahrzehnt auftritt. Zwar sind
die neurobiologischen Grundlagen und die multifaktorielle Ätiologie der Depression gut
erforscht, aber dennoch gibt es einen zunehmend großen Bedarf an neuen, antidepressiv
wirksamen Substanzen, die speziell im Rahmen von TRD und geriatrischen Depressionen
Anwendung finden können. Damit einher geht die Notwendigkeit, die Validität bisher
existierender Tiermodelle zur Identifikation solcher Substanzen zu verbessern und neue
Modelle zu entwickeln, denen Inhalts-, Konstrukt- und prädiktive Validität, als auch
Symptomspezifität zugrunde liegt. Obwohl das unkontrollierbare Erleben von Verlusten,
einschneidenden Lebensereignissen und damit verbundenem Stress bei einem Großteil
aller Patienten prämorbid gehäuft auftreten, haben diese Faktoren bisher nicht
ausreichend Beachtung in Tiermodellen der Depression gefunden, ebenso wie das daraus
resultierende Rückzugsverhalten.
Die hier vorliegende Dissertation beschäftigt sich mit der Validierung eines neuen
Tiermodells zur Erforschung depressions-ähnlicher Verhaltensweisen. Dieses beruht auf
der lerntheoretischen Grundlage, dass ein Entzug oder Verlust von erwarteter Verstärkung
sowohl im Menschen, als auch im Tier in einer Reduktion von assoziierten
Verhaltensweisen resultiert (Extinktion). Extinktion führt innerhalb eines Organismus zu
Stress, Erregung, Verzweiflung und kann aufgrund der kognitiven und behavioralen
Veränderungen langfristig Depressionen bedingen. Hier steht insbesondere das
Rückzugsverhalten depressiver Patienten im Vordergrund, welches Ausdruck einer
Extinktions-induzierten Depression (EID) sein kann. Zudem bildet es auch einen
aufrechterhaltenden Faktor, da es das Erleben neuer, alternativer Verstärkung verhindert.
Ätiologisch spielt die EID vor allem bei geriatrischen Depressionen eine wesentliche Rolle,
da mit dem Alter ein Anstieg an Verlusterlebnissen, als auch neurobiologische und
kognitive Veränderungen einher gehen, welche die Verhaltensvariabilität der Betroffenen
und ihre Stressresistenz einschränken.
In dieser Dissertation wurde in einem ersten Schritt gezeigt, dass der Entzug einer
erwarteten Futterbelohnung nach Hebeldruck bei männlichen Wistar-Ratten zu
Rückzugsverhalten in einer dualen operanten Versuchskammer führt, welche aus 2
Kompartimenten besteht. Während in dem operanten Kompartiment in den
Lerndurchgängen Hinweislichter, ein Hebel und die darauf folgende Futterbelohnung
präsentiert wurden, gab es in einem neutralen „Rückzugskompartiment“ keine operanten
Module. Eine akute Behandlung mit dem selektiv serotonergen Wiederaufnahmehemmer
(SSRI) Citalopram und dem trizyklischen Antidepressivum (TZA) Imipramin vor der
Extinktion reduzierte signifikant das zunehmende Rückzugsverhalten und weitere
depressions-assoziierte Verhaltensweisen wie etwa das Beißen des Hebels.
In einem weiterführenden Experiment wurden die Konfiguration der Kammer und die
operante Aufgabe an die zuvor gewonnenen Erkenntnisse angepasst. Anstelle zweier
getrennter Kompartimente wurde eine längliche Kammer entworfen, welche die genaue
Messung eines Rückzugsgradienten und horizontaler Aktivität erlaubt. Zudem wurde ohne
Hebeldrücke mit fixen Intervall-Verstärkerplänen und freier Verstärkergabe gearbeitet.
Citalopram und das TZA Clomipramin reduzierten nach chronischer Behandlung den
Rückzugsgradienten und den Rückzug von der belohnungs-assoziierten Futterluke in
Form von Zielaufspürungsverhalten. Zudem wurden alle Tiere nach der fünftägigen
Extinktionsphase im Offenfeld (OF) getestet und mit einer naiven Kontrollgruppe
verglichen. Es konnte gezeigt werden, das Extinktion anxiogene Effekte auf das
Verhalten im OF hat, die ebenfalls durch Citalopram reduziert werden konnten.
In einer abschließenden Untersuchung wurde betrachtet, ob EID mit zunehmendem Alter
verstärkt auftritt und welchen Einfluss eine chronische Behandlung mit Corticosteron (Cort)
auf EID hat. Die Verabreichung von Cort induziert einen depressiven Phänotypen in
anderen Tiermodellen der Depression. Es konnte hypothesenkonform gezeigt werden,
dass alte Wistar-Ratten im Zuge von Extinktion ebenfalls Rückzugsverhalten ausbilden.
Die Behandlung mit Cort führte besonders bei alten Tieren zu einer Zunahme von
Rückzugsverhalten und einer Dysfunktion der Hypothalamus-Hypophysen-
Nebennierenrinden-Achse (HHN) .
Die Ergebnisse der hier vorgestellten Arbeiten unterstützen die Validität von EID als
Tiermodell der Depression und die ätiologische Relevanz von Verstärkerverlust.
Besonders der Rückzugsgradient und die Abnahme von Zielaufspürung am Ort
ehemaliger Belohnungsverabreichung haben prädiktive Validität und sind sensitiv
gegenüber einer Behandlung mit SSRIs, TZAs und Corticosteron. Gemäß der Hypothese
löst Extinktion verstärkt bei alten Tieren depressions-ähnliches Verhalten bei geringerer
Extinktionsresistenz aus. Somit bietet das Modell neue Perspektiven für die
Erforschung und Behandlung speziell der geriatrischen Depression, welche geprägt
ist von erhöhtem Verstärkerverlust und maladaptiven Reaktionen auf Stress.
Lizenz:In Copyright
Urheberrechtsschutz
Fachbereich / Einrichtung:Mathematisch- Naturwissenschaftliche Fakultät » WE Psychologie » Physiologische Psychologie
Dokument erstellt am:06.06.2014
Dateien geändert am:06.06.2014
Promotionsantrag am:18.12.2013
Datum der Promotion:13.05.2014
english
Benutzer
Status: Gast
Aktionen