Dokument: Moos, Störfall und abruptes Ende. Literarische Ikonographie der
erzählenden Umweltliteratur und das 'Bild'gedächtnis der Ökologiebewegung

Titel:Moos, Störfall und abruptes Ende. Literarische Ikonographie der
erzählenden Umweltliteratur und das 'Bild'gedächtnis der Ökologiebewegung
URL für Lesezeichen:https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DocumentServlet?id=2301
URN (NBN):urn:nbn:de:hbz:061-20000211-000301-4
Kollektion:Dissertationen
Sprache:Deutsch
Dokumententyp:Wissenschaftliche Abschlussarbeiten » Dissertation
Medientyp:Text
Autor: Jambon, Sabine [Autor]
Dateien:
[Dateien anzeigen]ZIP Archiv
[Details]278 KB in einer Datei
[ZIP-Datei erzeugen]
Dateien vom 09.02.2007 / geändert 09.02.2007
Beitragender:Prof. Dr. Cepl-Kaufmann, Gertrude [Gutachter]
Stichwörter:Deutsche Gegenwartsliteratur, Umweltliteratur, Öko-Prosa, Christa Wolf, Klaus Modick, Horst Stern, Kulturelles Gedächtnis, Erinnerungsfiguren, Ökologiebewegungecocriticism, environmental literature
Dewey Dezimal-Klassifikation:800 Literatur » 830 Deutsche Literatur, Literatur in verwandten Sprachen
Beschreibung:Seveso, Gorleben, das Waldsterben, Tschernobyl und Brent Spar markieren schlagwortartig einige Bezugspunkte der deutschen Ökologiebewegung. Diese wird in der vorliegenden Arbeit als Erinnerungsgemeinschaft betrachtet, deren kulturelles Gedächtnis sich u.a. in literarischen Texten manifestiert.
Die vorliegende Analyse ausgewählter Texte der erzählenden Umweltliteratur dient der Hervorhebung des
Erinnerungsprozesses sowie seiner innertextuellen Thematisierung. Die zu diesem Zweck entwickelte Methode der literarischen Ikonographie konzentriert sich auf den Umgang mit 'Erinnerungsfiguren', die in ihrer Eigenschaft als 'verdichtete Erinnerungen' die Texte strukturieren.
Die literarische Ikonographie beschreibt die Dynamik des Erinnerns in Analogie zum Modell der Mustervervollständigung neuronaler Zellverbände (Assemblies) im assoziativen Gedächtnisspeicher. Der von Assmann entlehnte Begriff der Erinnerungsfiguren wird a) auf sämtliche 'Einlaßstellen' der Erinnerung aller Wahrnehmungssinne und Faktizitätsgrade ausgeweitet und b) von den 'gemeinsam bewohnten Geschichten' einer jeweiligen Erinnerungsgemeinschaft abgegrenzt, die in den Erinnerungsfiguren assoziativ verweisend enthalten sind und durch diese aktiviert werden (können). Eine solche Konturierung der Erinnerungsfiguren stellt das Instrumentarium für eine Lektüre bereit, welche die Texte von der Ebene des kulturellen Gedächtnisses konkreter Erinnerungsgemeinschaften her aufschließt. Die Abhängigkeit der
Erinnerungsfiguren von ihrem jeweiligen außerliterarischen Entstehungsumfeld macht die Aufarbeitung und Darstellung des Kontextes zur Bedingung jeder Textanalyse.
Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit wird daher eine Übersicht über den ökologischen Diskurs sowie seine Wurzeln präsentiert und mit dem Korpus der erzählenden Umweltliteratur in beiden deutschen Staaten in Beziehung gesetzt. Den Schwerpunkt der kompilierenden Darstellung bilden die Verweisungsbezüge zwischen literarischer und außer-literarischer Wirklichkeit.
Im Hauptteil werden folgende Texte ausführlich analysiert: a) die 1984, also auf dem Höhepunkt der Debatte um ein anderes Naturverständnis in der Bundesrepublik erschienene Novelle Moos. Die nachgelassenen Blätter des Botanikers Lukas Ohlburg von Klaus Modick, b) Christa Wolfs 1987 in der DDR veröffentlichter, den Tschernobyl- Schock und seine Folgen darstellende Text Störfall. Nachrichten eines Tages und c) der 1993 im 'vereinten' Deutschland publizierte Roman Klint.
Stationen einer Verwirrung des Umweltjournalisten Horst Stern. Die Analyse der drei - Erinnern und Gedächtnis explizit thematisierenden - Texte zeigt, daß auch die Erinnerungsfiguren des kulturellen Gedächtnisses innerfiktional von der ökologischen Krise nicht unbeschädigt bleiben. War vor Tschernobyl der Rückgriff auf diese noch unproblematisch (Moos), läßt sich nach dem Reaktorunglück eine Oszillation der unbeschädigten und der semantisch 'vergifteten' Verweisungszusammenhänge (Störfall) bis hin zur zerstörerischen Rückwirkung der 'Bilder der Zerstörung', die ihre
identitätssichernde Funktion eingebüßt haben, auf die menschliche Psyche (Klint) beobachten.
Neben dieser sukzessiven Beschädigung der Erinnerungsfiguren durch die ökologische Krise thematisieren die Texte Erinnern und Gedächtnis auf je eigene Weise: Während man Moos als Darstellung der Mechanismen des Erinnerns bestimmen kann, steht im Störfall der Wunsch im Vordergrund, so schreiben zu können, wie unser Gehirn arbeitet. Dies kristallisiert sich als die Suche nach einer Möglichkeit heraus, die in der DDR besonders hinsichtlich der Thematisierung von Umweltproblemen herrschende Zensur zu umgehen und das die zivile Nutzung der Kernenergie betreffende Tabu zu brechen. Der Roman Klint ('abruptes Ende') kann dagegen als Topographie einer der Umweltzerstörung entsprechenden seelischen Zerstörung in Form einer pathologischen Schizophrenie des Protagonisten gelesen werden. Die
literarische Ikonographie als Untersuchungsmethode von Texten und Kontexten bietet die Möglichkeit, Texte anhand der in ihnen enthaltenen Erinnerungsfiguren in ihrer jeweiligen Aktualisierung aufzurollen und - über die reine Bildlichkeit hinaus - entlang der gemeinsam bewohnten Geschichten einer jeweiligen Erinnerungsgemeinschaft - oder gegen diese - zu lesen. Damit geht sie über herkömmliche Lesarten hinaus, die Dimensionen der assoziativen oder allusiven Verweisungsbezüge lediglich spekulativ erfassen können.
Fachbereich / Einrichtung:Philosophische Fakultät » Germanistisches Seminar
Dokument erstellt am:11.02.2000
Dateien geändert am:12.02.2007
Promotionsantrag am:11.02.2000
Datum der Promotion:11.02.2000
english
Benutzer
Status: Gast
Aktionen