Dokument: Die syntaktischen Fähigkeiten von Wernicke-Aphasikern – eine experimentelle Studie

Titel:Die syntaktischen Fähigkeiten von Wernicke-Aphasikern – eine experimentelle Studie
Weiterer Titel:The syntactic abilities of German Wernicke’s aphasics – an experimental study
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URN (NBN):urn:nbn:de:hbz:061-20101123-111710-0
Kollektion:Dissertationen
Sprache:Deutsch
Dokumententyp:Wissenschaftliche Abschlussarbeiten » Dissertation
Medientyp:Text
Autor:Dr. Wimmer, Eva [Autor]
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Dateien vom 21.11.2010 / geändert 21.11.2010
Beitragende:Prof. Dr. Penke, Martina [Gutachter]
Univ.-Prof. Dr. Huber, Walter [Gutachter]
Stichwörter:Wernicke-Aphasie, Aphasie, Sprachstörung, Paragrammatismus, Syntax
Dewey Dezimal-Klassifikation:400 Sprache » 430 Deutsch, germanische Sprachen allgemein
Beschreibungen:Die syntaktischen Fähigkeiten von Wernicke-Aphasikern
– eine experimentelle Studie
Die Wernicke-Aphasie ist eine Sprachstörung, die in Folge einer Hirnschädigung, oftmals durch einen Schlaganfall, auftritt. Neben stark geschädigtem Sprachverständnis ist eines der Leitsymptome der „Paragrammatismus“, eine zwar flüssige Sprachproduktion, die jedoch durch Wort- und Satzteilwiederholungen, Satzabbrüche, Flexionsfehler, Wortstellungsfehler und Satzverschränkungen auffällig ist. Häufige Wortentstellungen sowie Benenndefizite bestärken viele Forscher in der historisch tradierten Annahme eines lexikalisch-semantischen Defizits als alleiniger Störungsursache sowohl der Sprachproduktions- als auch der Sprachverständnisprobleme bei Wernicke-Aphasie. Die experimentelle Untersuchung syntaktischer Fähigkeiten von Wernicke-Aphasikern wurde jedoch vernachlässigt, insbesondere für den deutschsprachigen Raum. Ziel der vorliegenden Arbeit war es, diese Lücke zu schließen und zu klären, ob die syntaktischen Produktions- und Verständnisfähigkeiten bei diesem Aphasiesyndrom beeinträchtigt sind. Mit neun Probanden mit einer chronischen Wernicke-Aphasie verschiedenen Schweregrades sowie einer nicht-aphasischen Kontrollgruppe vergleichbaren Alters wurden mehrere Untersuchungen durchgeführt: zur Verbstellung in Haupt- und Nebensätzen, zur Produktion und dem Verständnis von w-Fragen und zum Verständnis von Deklarativsätzen.
Die Auswertung dieser Experimente zeigte keine Beeinträchtigung bei der Verbstellung, aber massive Schwierigkeiten sowohl bei der Produktion als auch beim Verständnis von w-Fragen und Deklarativsätzen. Dabei bereiteten den Aphasikern Sätze, die von der in Hauptsätzen kanonischen Wortstellung (Subjekt – finites Verb – Objekt) abwichen, die größten Schwierigkeiten. Diese strukturell bedingten Probleme widersprechen damit auch der gängigen Auffassung, nach der lexikalisch-semantische Probleme die primäre Ursache aller Störungssymptome bei Wernicke-Aphasie sind. Ein Leistungsvergleich mit einer Gruppe deutscher Broca-Aphasiker, mit denen in vorangegangenen Studien ein Teil desselben Materials erhoben wurde, zeigte insgesamt nur wenig differenzierende Merkmale. Die Annahme, dass die wesentlich häufiger untersuchte Broca-Aphasie das spiegelbildliche Syndrom der Wernicke-Aphasie darstellt – gestörte Syntax bei erhaltenem Lexikon – kann daher nach den vorliegenden Daten nicht aufrecht erhalten werden.
Eine detaillierte Analyse legt nahe, dass die syntaktischen Schwierigkeiten der Wernicke-Aphasiker nicht in einem Verlust linguistischen Wissens bestehen, etwa in Form einer defizitären Phrasenstruktur-Repräsentation, sondern eher in einem Defizit bei der syntaktischen Verarbeitung, das wahrscheinlich von einer pathologisch reduzierten Sprachverarbeitungskapazität individuell verschiedenen Ausmaßes herrührt. Die jeweiligen Verarbeitungskosten hängen dabei nicht nur von vielen linguistischen Prinzipien ab (wie z.B. syntaktischer Bewegung und Kanonizität), sondern auch vielen anderen Faktoren. Hierfür spricht die Tatsache, dass die Leistungen in dieser Studie vom Störungsschweregrad der Aphasiker, der Tagesverfassung sowie der sprachlichen Modalität und dem Aufgabenschwierigkeitsgrad beeinflusst wurden.

The syntactic abilities of German Wernicke’s aphasics – an experimental study
Wernicke’s aphasia is a language disorder which is caused by cerebral damage, usually by stroke. Besides severely impaired language comprehension, one of the core symptoms is “paragrammatism”, a speech which is, although fluent, characterized by repetitions of words and phrases, aborted sentences, inflectional errors, word order errors and sentence blends. Due to frequently occurring distorted words and deficits in naming many researchers support the historically established assumption that a lexical-semantic deficit is the only cause of the problems Wernicke’s aphasics exhibit in speech production as well as in comprehension. Experimental studies of the syntactic abilities of Wernicke’s aphasics have, however, been very rare, in particular in German-speaking countries. The aim of the present study was to close this gap and to find out if the syntactic production and comprehension abilities are impaired in this aphasic syndrome. Several experiments were conducted with nine subjects with a chronic Wernicke’s aphasia of different severity and a non-aphasic age-matched control group: verb placement in main and subordinate clauses was investigated, the production and comprehension of wh-questions and the comprehension of declaratives.
The results of these experiments did not show an impairment of verb placement, but severe problems with the production as well as the comprehension of wh-questions and declaratives. Specifically, the aphasics had the most difficulties with sentences that deviate from the canonical word order in German main clauses (subject – finite verb – object). These structurally based problems thus contradict the common assumption that considers lexical-semantic problems as the primary cause of all language symptoms in Wernicke’s aphasia. A comparison with a group of German Broca’s aphasics that participated in some of the very same tests in former studies revealed only few group differences in linguistic performance. Broca’s aphasia is investigated far more often and has been claimed to be the mirror image of Wernicke’s aphasia, namely a syntactic disorder with an intact lexicon. But this claim cannot be confirmed by the present data.
A closer analysis suggests that the syntactic problems of Wernicke’s aphasics are not due to a loss of linguistic competence, for instance in the form of a deficient phrase structure representation, but rather due to a deficit in syntactic processing which is probably caused by pathologically reduced working memory resources for language of individually different extent. Aphasic performance varies according to the amount of processing costs which are highly dependent not only on many linguistic principles (e.g. syntactic movement and canonicity), but many other factors. This is supported by the fact that the individual performance in this study was influenced by the severity of aphasic impairment, the condition at the day of testing, as well as linguistic modality and task demands.
Fachbereich / Einrichtung:Philosophische Fakultät » Institut für Sprache und Information » Allgemeine Sprachwissenschaft
Dokument erstellt am:23.11.2010
Dateien geändert am:21.11.2010
Promotionsantrag am:18.12.2008
Datum der Promotion:15.12.2009
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