Dokument: Weiterentwicklung der Typ-2-Diabetes-Versorgung in der deutschen Allgemeinmedizin: Herausforderungen, Strategien und Zukunftsperspektiven
| Titel: | Weiterentwicklung der Typ-2-Diabetes-Versorgung in der deutschen Allgemeinmedizin: Herausforderungen, Strategien und Zukunftsperspektiven | |||||||
| Weiterer Titel: | Advancing Type 2 Diabetes Care in General Practice in Germany: Challenges, Strategies, and Future Directions | |||||||
| URL für Lesezeichen: | https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DocumentServlet?id=73264 | |||||||
| URN (NBN): | urn:nbn:de:hbz:061-20260515-102717-9 | |||||||
| Kollektion: | Publikationen | |||||||
| Sprache: | Englisch | |||||||
| Dokumententyp: | Wissenschaftliche Abschlussarbeiten » Habilitation | |||||||
| Medientyp: | Text | |||||||
| Autor: | Dr. Bongaerts, Brenda Wilhelma Corinna [Autor] | |||||||
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| Dewey Dezimal-Klassifikation: | 600 Technik, Medizin, angewandte Wissenschaften » 610 Medizin und Gesundheit | |||||||
| Beschreibung: | Der Typ-2-Diabetes stellt eine der größten Herausforderungen der modernen Medizin dar. Weltweit steigt die Inzidenz weiter an, getrieben durch demografische Entwicklungen, Lebensstilfaktoren und zunehmende Urbanisierung. Damit wächst auch die Belastung für das Gesundheitssystem und insbesondere für die hausärztliche Versorgung. Vor diesem Hintergrund untersuchten die in dieser Habilitationsschrift zusammengefassten Studien zentrale Aspekte des Diabetesmanagements in der hausärztlichen Praxis. Sie untersuchten wesentliche Dimensionen der Diabetesversorgung, darunter die Wirksamkeit multifaktorieller Versorgungsmodelle, die Prävalenz und Erkennung der diabetischen Polyneuropathie, Muster der Arzneimittelabgabe, und Strategien zur Personalisierung der Versorgung.
Unsere systematische Übersichtsarbeit zur Umsetzung des multifaktoriellen Chronic Care Models (CCM) zeigte, dass Programme, die alle sechs Komponenten dieses Modells implementieren, in Europe nur selten umfassend evaluiert wurden. Die berichteten Effekte auf klinische und patienten-berichtete Endpunkte waren insgesamt moderat und variierten stark in Abhängigkeit von der Diabetesdauer. Für Deutschland fehlt bislang Evidenz, ob eine vollständige Integration des CCMs in die bestehenden Disease Management-Programme (DMPs) zusätzliche Vorteile bringen würde. Für die hausärztliche Versorgung bedeutet dies, dass multifaktorielle Ansätze insbesondere gezielt nach Krankheitsdauer oder Patientengruppe nützlich sein können. Gleichzeitig illustriert es die Notwendigkeit, DMPs weiterzuentwickeln, flexibel an die Praxisrealität anzupassen und Elemente wie strukturierte Patientenschulung oder Peer-Support stärker einzubinden. Die Analysen aus der Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg (KORA)-Studie zeigten eine hohe Prävalenz klinischer distaler sensomotorische Polyneuropathie (DSPN) sowohl bei Menschen mit Typ-2-Diabetes als auch bei Menschen mit Prädiabetes. Zudem blieb ein erheblicher Anteil an Betroffenen ohne Diagnose, obwohl sie regelmäßig ärztlich betreut wurden. Damit wird deutlich, dass gegenwärtige Screeningstrategien in der Primärversorgung nicht ausreichen, um das Ausmaß dieser Komplikation frühzeitig zu erfassen. Für die hausärztliche Praxis ergibt sich daraus die Notwendigkeit, strukturierte Screeningmaßnahmen stärker in den Praxisalltag zu integrieren und Barrieren wie Zeitmangel oder fehlende Schulung zu überwinden. Besonders die Fußuntersuchung, die in den Leitlinien empfohlen wird, muss konsequenter durchgeführt werden, um Folgekomplikationen wie Ulzera und Amputationen zu verhindern. Gleichzeitig ist eine Sensibilisierung der Patientinnen und Patienten für neuropathische Symptome erforderlich. Unsere Analysen deutscher Krankenkassendaten (2012-2016) bestätigten, dass Metformin weiterhin die dominierende Erstlinientherapie darstellt, während der Einsatz von Sulfonylharnstoffen zugunsten neuerer Wirkstoffklassen abgenommen hat. Gleichzeitig zeigte die globale DISCOVER-Studie, dass ältere Menschen mit Typ-2-Diabetes häufig eine zu intensive Therapie erhielten, vielfach mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen trotz HbA1c-Werten deutlich unterhalb der Leitlinienziele. Dieses Muster birgt erhebliche Risiken für Hypoglykämien, Stürze und Polypharmazie. Für die hausärztliche Versorgung bedeutet dies, dass bei älteren Patientinnen und Patienten neben der Therapieintensivierung auch die De-Eskalation stärker in den Blick genommen werden muss. Leitlinien empfehlen explizit gelockerte HbA1c-Ziele bei älteren und multimorbiden Patientinnen und Patienten; ein Aspekt, der im Rahmen der DMPs künftig stärker betont und durch praxisnahe Entscheidungsinstrumente unterstützt werden sollte. Die Analyse von HbA1c-Verläufen in der DISCOVER-Kohorte identifizierte vier unterschiedliche Trajektorien nach Beginn einer Zweitlinientherapie, die von stabil guter Kontrolle bis zu persistierend schlechter Kontrolle reichten. Diese Ergebnisse unterstreichen die Heterogenität des Typ-2-Diabetes und die Notwendigkeit individueller Therapieansätze. Unsere begleitende Literaturübersicht zur Pharmakogenetik deutete darauf hin, dass genetische Varianten die Wirksamkeit bestimmter Therapien beeinflussen können, jedoch bleibt die Evidenz aufgrund kleiner Effekte und mangelnder Replikationen begrenzt. Für die Hausarztpraxis bedeutet dies, dass personalisierte Ansätze allerdings an Bedeutung gewinnen, derzeit jedoch eher über flexible Behandlungsalgorithmen, individuell angepasste HbA1c-Ziele und patientenzentrierte Entscheidungen umgesetzt werden sollten. Auch wenn genetische Testungen bislang noch keine Rolle im Alltag spielen, ist die Sensibilisierung für die Heterogenität von Typ-2-Diabetes bereits heute für die Versorgung relevant. Zusammenfassend unterstreicht diese Habilitationsschrift, dass die hausärztliche Versorgung von Menschen mit Typ-2-Diabetes vor komplexen Herausforderungen steht: Effekte der multifaktoriellen Versorgung variieren in Abhängigkeit der Krankheitsdauer, die DSPN als Komplikation des Diabetes bleibt häufig unerkannt, und ältere Patientinnen und Patienten sind vielfach einer riskanten Übertherapie ausgesetzt. Gleichzeitig eröffnen neue Erkenntnisse zu Krankheitsverläufen und potenziell genetischen Einflussfaktoren Perspektiven für eine stärker personalisierte Versorgung. Für die hausärztliche Praxis ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: die Diabetesversorgung muss strukturiert und flexibel gestaltet werden, um sowohl Unter- als auch Überversorgung zu vermeiden. Zukünftig wird es entscheidend sein, praxisnahe Instrumente zu entwickeln, die Hausärztinnen und Hausärzte bei der Balance zwischen Leitlinienorientierung und patientenzentrierte Anpassungen unterstützen. Nur so lässt sich die Versorgung nachhaltig verbessern und den wachsenden Belastungen durch Typ-2-Diabetes wirksam begegnen. | |||||||
| Lizenz: | ![]() Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz | |||||||
| Fachbereich / Einrichtung: | Medizinische Fakultät » Institute » Abteilung für Allgemeinmedizin | |||||||
| Dokument erstellt am: | 15.05.2026 | |||||||
| Dateien geändert am: | 15.05.2026 |

