Dokument: Ästhetik der musikalischen Interpretation

Titel:Ästhetik der musikalischen Interpretation
Weiterer Titel:Aesthetics of musical interpretation
URL für Lesezeichen:https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DocumentServlet?id=44373
URN (NBN):urn:nbn:de:hbz:061-20171218-100548-5
Kollektion:Dissertationen
Sprache:Deutsch
Dokumententyp:Wissenschaftliche Abschlussarbeiten » Dissertation
Medientyp:Text
Autor: Hinsche, Fabian [Autor]
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Dateien vom 08.12.2017 / geändert 08.12.2017
Beitragende:Prof. Dr. Görling, Reinhold [Betreuer/Doktorvater]
Prof. Dr. Lutz-Werner Hesse [Gutachter]
Stichwörter:Ästhetik, Musik, Interpretation, musikalische Interpretation, Performance, Notation, Komposition
Dewey Dezimal-Klassifikation:700 Künste und Unterhaltung » 780 Musik
Beschreibungen:Der Interpret nimmt eine Partitur, schlägt sie auf und beginnt, die Noten am Instrument zu spielen. Ausgehend von dieser „Urszene“ der musikalischen Interpretation entsteht eine Reihe von Fragen, welche die Arbeit ergründen möchte: Was ist Notation? Was hält sie fest, was kann sie festhalten? Was ist Komposition? Was ist Notation/eine Partitur/eine Komposition für den Komponisten? Was ist Notation/eine Partitur für die Interpretation? Welche Rolle spielt der Interpret bei der Umsetzung der Partitur? Damit verbunden ergeben sich weitere Fragen: Gibt es eine letztgültige Autorenschaft in der Musik? Gibt es „das“ musikalische „Werk“, „die“ Komposition? Kann Medialität, die Vermittlung einer musikalischen Idee/Struktur/Form mit Notation gelingen? Falls nicht, kann sie (ohne Notation) überhaupt gelingen?
Ich versuche zu zeigen, dass Notation repressive wie öffnende, ermöglichende Elemente besitzt, wobei sie ein parasitäres, visuelles Rauschen in das lineare System einer mündlichen Vor-, Mit- und Nachahmung einführt, das wesentlich aus dem Gestischen als optischer Schatten der Musik entstanden ist. Dieses Gestische besteht immer vor, neben und nach der Schrift, die einen „Freiheitsraum“ öffnet, in welchem die Präsentation des relativ bestimmten „Was?“ durch die relative Unbestimmtheit der akustisch-materiellen Erzeugung des „Wie?“ stattfindet. Durch die Differenz von graphischem Zeichen zu akustischer Materialisation öffnet das Zeichen, Mal der Abwesenheit von Komponist und Klang, das „Werk“ im Visuellen einer unendlichen Größe von akustischen Realisationsmöglichkeiten.
Ich sehe die beziehungsreichen Symbole der Partitur im Moment der Niederschrift durch den Komponisten schon als interpretiert und auf die Interpretation als Modus der Erzeugung ausgerichtet an, wobei sie sich strukturell für den Anderen öffnen. Im „Lesen“ der mit Kagel „dekomponierten“ Partitur bildet der Interpret ein ästhetisches Ideal der besten aller möglichen Klänge heraus, das als Imagination die Interpretation fortan leitet. In der „Corona“ der Interpretation werden imaginiertes Ideal und tatsächlicher Klang laufend abgeglichen, während der übersetzende Interpret seiner Imagination sinnliche Spezifität verleiht. In der Artistik seines Tuns wendet er ein offenes, anonymes Gestisches, welches in den Zeichen „liegt“, in „seine“ Form der Gestik für die Dauer der Ausführung.
Im Verlaufe der besonderen Zeitlichkeit der musikalischen Darbietung wird der Interpret durch die ihn anblickende, „anhauchende“ Partitur begeistert, wie er sie liebend beseelt, um ihr in einem sinnlichen, auratischen Moment der Fülle ver-antwortlich zu antworten, indem er ihre Alterität zu Gast lädt, ohne sie je einholen zu können. Seine Subjektivität ist dabei weniger aktiv bestimmend als durch das Prinzip der Resonanz der vorgängigen Partitur angerufen, wobei sich seine (musikalische) Individualität zurückschwingend im fleischlich-gestischen Rückhall bildet. Das Spielerische der Partitur spielt „sich“ im Interpreten, wie er es spielt. Im Glanz des „starken Spiels“ (Bataille) übersteigt die sinnliche Komplexität der Erscheinungen den erkennenden Begriff. Die Gesten des Interpreten, die das Spiel spielen, sind dabei nicht ganz die seinen, da sie in eine pragmatische Mit- und Umwelt eingebettet sind, aus deren „Horizont“ sie bewusst wie unbewusst hervorgehen. Die „Stimme“ des Interpreten, bestehend aus seinen leiblichen, körperlichen und instrumentalen Gesten an der Körperextension des „nicht-menschlichen Handlungsträgers“ (Latour) des Klangkörpers, stellt intentionslos, gestisch, sinnlich das Präsens der Interpretation her, welches die Form eines Torus’ hat, der als Rettungsring zwischen Komponist und Hörer vermittelt. In der „Horizontverschmelzung“ von Komponist, Umwelt, Geschichte, Partitur, Interpret, Instrument und Hörer wird musikalische Interpretation nach den Zeichen einer Partitur als Ort von Geschichte, von gestischer, „conjektiver“ Materialität in Raum und Zeit offenbar. Der sich in der desubjektivierenden Erfahrung des Besetztwerdens durch die Gesten eines Anderen gleichsam opfernde Interpret wird dabei durch das „Quasi-Objekt“ (Serres) der Partitur zum (temporären musikalischen) Subjekt, welches im theatralen, szenischen Ereignis der Interpretation Relationalität zwischen Menschen, Zeiten, Orten und Dingen aufscheinen lässt. Im Zustand der relationalen Medialität macht er dabei seine eigene existenzielle, geworfene Gegenstandslosigkeit intentionslos sowie gestisch-sinnlich „verständlich“ und (er)hält westliche Kunstmusik in einer Offenheit für soziale Relationen und ästhetische Realisationen für jede Zukunft.

The interpreter takes a score, opens it and starts playing the music on his instrument. Starting from this primal scene of musical interpretation, a sequence of questions arises that I want to comprehend: what is notation? What does notation grasp? What is composing? What is notation/a score/ a composition for the composer? What is notation/ a score for the interpretation? What role does the interpreter play in the realization of the score? Connected to this more questions evolve: is there a final authorship in music? Does „the“ musical „work“, the „composition“ exist? Can mediality, the mediation of a musical idea/structure/form succeed with the help of notation?
I try to show that notation has repressive as well as opening elements, whereby it introduces a parasitic, visual „noise“ into the linear system of oral impersonation which originates mainly from gesticulation as an optical shadow of the music. Gesticulation always exists before, besides and after the writing that opens a „space of liberty“ in which the presentation of the relativley determined „What?“ through the relatively (in its acoustic and material generation) undetermined „How?“ can take place. Because of the difference of the graphic sign and its acoustic materialisation the sign – stigma of the absence of sound and composer - opens the „work“ for an infinite quantity of possible acoustic realisations in the visual sector.
I regard the suggestive symbols of the score as already interpreted by the composer in the moment of notating as well as angled towards interpretation as a mode of production, whereby it opens structurally for the Other. In „reading“ the „decomposed“ score (Kagel), the interpreter creates an aesthetic ideal of the best of all sounds, that guides interpretation from then on. In the „corona“ of interpretation imagined ideal and actual sound are constantly adjusted while the translating interpreter gives sensible specifity to his imagination. In the artistry of his activity he turns an open, anonymous gesture, which „lies“ in the sign, into „his“ form of gesticulation for the moment of the performance.
In the process of the special time of the musical performance the interpreter gets „spirited“ („begeistert“) by the score, that looks at him an „breathes“ on him while he at the same time animates („beseelen“) the score lovingly in order to answer it in a sensible, auratic moment of “re-sponsible“ fullness that invites its otherness without wanting to overtake it. His subjectivity is thereby less actively determing than „adjured“ by the principle of resonance of the prior score, whereby his (musical) individuality gets formed as a gestic resonance while „swinging back“ . The playfullness of the score plays „itself“ in the interpreter as well as he plays it. In the glance of the „strong game“ (Bataille) the complexity of the phenonemas surpass the cognitive concept. The gestures of the interpreter, that play the game, are not completey his own ones, because they are embedded in a pragmatic, social environment and arise from its „horizon“ consciously und unconsciously. The „voice“ of the interpreter – consisting of his subjective and objective body and instrumental gestures on the prolongation of his body, the body of sound of his instrument, as a „non-human-agent“ (Latour) – creates the present of the interpretation, non-intentional, gestic, sensible. It has the form of a torus and mediates as a lifebelt between composer and listener. In the „amalgation of horizons“ of composer, environment, history, score, interpreter, instrument and listener musical interpretation after the signs of a score gets apparent as „locus of history“ of gestic, „conjective“ materiality in space and time. The interpreter gets „desubjected“ while being haunted by the gestures of another and sacrifices himself while becoming a (temporal and musical) subject with the help of the „quasi-object“ (Serres) of the score, thus lighting up the relationality between people, times, sites and things in the scenic event of musical interpretation. In a state of relational mediality the interpreter makes his own existantial senselessness „understandable“, non-intentional and gestic as well as sensible, while upholdnig Western Music in an openness for social relations and aesthetic realizations for every future.
Fachbereich / Einrichtung:Philosophische Fakultät » Institut für Kultur und Medien
Dokument erstellt am:18.12.2017
Dateien geändert am:18.12.2017
Promotionsantrag am:26.07.2017
Datum der Promotion:23.11.2017
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