Dokument: Giftgas und Salpeter. Chemische Industrie, Naturwissenschaft und Militär von 1906 bis zum ersten Munitionsprogramm 1914/15

Titel:Giftgas und Salpeter. Chemische Industrie, Naturwissenschaft und Militär von 1906 bis zum ersten Munitionsprogramm 1914/15
Weiterer Titel:[Chemical warfare and saltpetre. Chemical industry, science, and the army, from 1906 to the first ammunitions programme 1914/15]
URL für Lesezeichen:https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DocumentServlet?id=18261
URN (NBN):urn:nbn:de:hbz:061-20110523-100011-5
Kollektion:Dissertationen
Sprache:Deutsch
Dokumententyp:Wissenschaftliche Abschlussarbeiten » Dissertation
Medientyp:Text
Autor:Dr. Baumann, Timo [Autor]
Dateien:
[Dateien anzeigen]Adobe PDF
[Details]3,40 MB in einer Datei
[ZIP-Datei erzeugen]
Dateien vom 20.05.2011 / geändert 20.05.2011
Beitragende:Prof. Dr. Krumeich, Gerd [Gutachter]
Prof. Dr. Wessel, Horst A. [Gutachter]
Stichwörter:Geschichte 20. Jahrhundert / Deutschland / Erster Weltkrieg / chemische Industrie / Naturwissenschaft
Dewey Dezimal-Klassifikation:900 Geschichte und Geografie » 940 Geschichte Europas
Beschreibung:Die Dissertation befaßt sich mit der Frage, wie eine seit etwa 1900 hochindustrialisierte Chemie erstmals Teil der Kriegsführung wurde: im Ersten Weltkrieg. Dazu stellt sie einleitend den ersten Chlorgasangriff am 22. April 1915 bei Ypern vor und zeigt, daß alle Chlorgaswolken aus militärischer Perspektive wenig Sinn ergaben. Generalstabschef Falkenhayn stand ihnen wegen der Windabhängigkeit reserviert gegenüber.
Dies verweist auf einen Zusammenhang zwischen Giftgaskrieg und Kriegswirtschaft an der Heimatfront. Insbesondere der Chemiker Fritz Haber war auf beiden "Kriegsschauplätzen" aktiv. Zusammen mit anderen Naturwissenschaftlern beriet er die Gaspioniere, die chlorgefüllte Druckflaschen in die Gräben einsetzten, verhandelte aber auch für das preußische Landwirtschaftsministerium mit Firmen über Produktionssteigerungen bei Stickstoffdüngern (Stickstofffrage) sowie für das preußische Kriegsministerium über Kunstsalpeter (Salpeterfrage).
Wie die Arbeit zunächst darstellt, war die Kriegswichtigkeit beider Bereiche in Deutschland schon Jahrzehnte vor dem Krieg bekannt und unter den Vorzeichen "feindlicher Einkreisung" diskutiert worden. Die Stickstoffverbindung Salpeter (Natriumnitrat) mußte aus Chile importiert werden. Sie wurde im Frieden zumeist als Dünger verwendet, bildete aber auch Rohstoffgrundlage für Salpetersäure, welche u.a. für die Sprengstoffproduktion unabdingbar war. Zur Angst vor einer Ernährungskrise kam die Befürchtung, Deutschland müßte einen längeren Landkrieg aus Mangel an Sprengstoffen einstellen. Eine kleine Fabrik gewann dann aber seit 1906/08 Nitrate aus Ammoniak. Während das Reich das Kriegsernährungsproblem noch bis 1912 mittels seiner Seestreitkräfte "bewältigen" wollte, fuhren Forscher (wie Haber) und Chemiefirmen mit der Entwicklung synthetischer Rohstoffe fort.
Mit Kriegsbeginn erfolgte, wie anschließend gezeigt wird, eine Intensivierung der zuvor rudimentären Kooperation von chemischer Industrie, Naturwissenschaftlern und Militär. Dies betraf Waffen und Rohstoffe. Falkenhayn forderte vom Chemiker Walter Nernst verbesserte Artilleriegeschosse. Aufgegriffen wurde diese "Kriegsaufgabe" insbesondere durch Carl Duisberg (Generaldirektor der Farbenfabriken Bayer). Die meisten Versuche, Granaten mit Reiz- oder Giftstoffen zu bestücken, scheiterten aber noch bis Anfang 1915 an technischen Problemen. Erste Fortschritte brachte danach der von den Militärs anerkannte T-Stoff, eine Bromverbindung, die geländeseßhaft und deshalb zur Sturmvorbereitung ungeeignet war.
Infolge der Verzögerungen bei den Geschoßkampfstoffen konnte eine weitere Entwicklung Raum greifen, die flüchtige Chlorgaswolken zur militärischen Waffe werden ließen, und die in direktem Zusammenhang mit der industriell begonnenen und weiter geplanten Stickstoff- und Sprengstoffproduktion stand. In Kooperation von Staat und Industrie begannen Firmen mit dem Bau von Kunstsalpeterfabriken, zuerst BASF und Höchst, bald auch Bayer und weiteren Firmen. Den Rohstoff Ammoniak stellte nicht nur die BASF aus Luftstickstoff her (Haber-Bosch-Verfahren), sondern auch Höchst: Es gewann Ammoniak aus dem Luftstickstoffdünger Kalkstickstoff. Da Ammoniak und Kalkstickstoff gleichzeitig Dünger(vorprodukte) waren, blieben Stickstoff- und Salpeterfrage miteinander vernetzt.
Neben Vertragsverhandlungen über die militärischen Kunstsalpeterfabriken stellt die Arbeit ausführlich vor, wie das Landwirtschaftsministerium den Ausbau der bisher kleinen Haber-Bosch-Anlage und mehreren der bisher unbedeutenden Kalkstickstoffabriken verhandelte. Nachgezeichnet wird, wie Projektionen zum steigenden Kriegsbedarf an Dünger und Munition, aber auch Rivalitäten in Ministerien und Industrie zur Planung und Umsetzung teils technisch stark improvisierter industrieller Produktionsverfahren führten. So wollten Höchst und weitere Firmen das eingehende Ammoniak mit Natronlauge reinigen. Die BASF erwartete dagegen einen Natronlaugebedarf bei der Reinigung von Stickstoff und Wasserstoff für ihre Ammoniaksynthese. Die Lauge stammte aus vorhandenen Chlor-Alkali-Elektrolysen, in denen parallel Chlor anfiel.
Die Arbeit rechnet zuletzt die Ende 1914 für alle diese Firmen erwarteten Chlorüberschüsse hoch und sichert dies dadurch ab, daß der im Sommer 1915 einsetzende Chlorfluß mit der Abblaskapazität der Gaspioniere mengenmäßig übereinstimmte. Die improvisierten Chlorgaswolken bildeten ein militärisch nutzbares Produkt der Kriegswirtschaft im sich totalisierenden Krieg, das Briten und Franzosen kopierten. Wirksame Geschoßkampfstoffe auf Basis chlorierter Moleküle forderten dann seit Herbst 1915 zusätzliche Todesopfer.
Bezug:1906-1915
Fachbereich / Einrichtung:Philosophische Fakultät » Historisches Seminar » Lehrstuhl für Neuere Geschichte (II)
Dokument erstellt am:23.05.2011
Dateien geändert am:23.05.2011
Promotionsantrag am:06.03.2008
Datum der Promotion:10.07.2008
english
Benutzer
Status: Gast
Aktionen